Technik

Faszination Leica – Mein subjektiver Erfahrungsbericht

Die Faszination Leica. Wenn wir an Leica Kameras denken, dann wird den meisten von euch mit Sicherheit der exorbitant hohe Preis und der mangelnde Autofokus in den Kopf kommen oder? So ging es mir zumindest als ich das erste mal eine Leica in der Hand hatte und kurz danach hörte das Leica 6900€ für jenes Modell (es handelte sich um eine Leica M-P 240) aufruft. Ich dachte spontan: Sind die eigentlich bescheuert solche Preise aufzurufen? Es ist doch nur eine Kamera wie jede andere auch oder? Warum geben Menschen so viel Geld für das Leica System aus? Was ist die Faszination Leica?

Mein erstes Date – Leica M6, Noctilux 1.0 und TriX 400

Nur durch Zufall habe ich mitbekommen, dass ein guter Freund von mir im Besitz einer Leica M6 ist und habe mir die Kamera natürlich sofort mal ausgeliehen – Das war im Sommer 2013. Warum? Anfangs eigentlich nur um mitreden  zu können und auch mal mit einer Leica gearbeitet zu haben. Dazu lieh ich mir auch ein ganz besonderes Objektiv, das Noctilux 1.0, welches eine unglaubliche Lichtstärke von 1.0 hat und preislich jenseits der 6000€ liegt aber angeblich für exzellente Resultate sorgt.

Bei der Wahl nach dem Film kam für mich nur ein einziger Film in Frage, der TriX 400 von Kodak. Fotografen wie Sebastiao Salgado schwören auf die Qualität und die Kontraste dieses Films und nutzen Sie fast ausschließlich. Er produziert ein sehr weiches und angenehmes Korn aber zu den Resultaten später mehr!

Nachdem ich nun die „Ausrüstung“ zusammen hatte, zogen die Leica und ich los und fotografierten erstmal alles was uns irgendwie vor die Linse kam. Ich musste mich vor allem mit dem eigenartigen Weg zu Fokussieren vertraut machen den in dieser Form nur Leica bis heute durchzieht. 

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Das Messucher System

Eine besondere Eigenart von Leica ist das Messsucher System, dass ganz anders funktioniert als ich es bisher gewohnt war. Ein kurzer Blick durch den Sucher offenbahrt ein komplett scharfes Bild und nicht die gewohnte Unschärfe einer Spiegelreflexkamera, was mich zu Anfang verwirrte denn die Arbeit mit einem Messsucher System verlangt das übereinanderlegen zweier „Schnittbilder“.

Eine weitere für mich gar nicht so einfache Sache war der immer gleiche Bildausschnitt, der bei einer Messsucher Kamera nur von eingeblendeten Rahmen begrenzt wird. Diese Rahmen geben an wie viel das Objektiv „sieht“.

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Der Leica Faktor

Ich ging durch die Straßen, wohl wissend, dass ich den Gegenwert eines Kleinwagens mit mir herum schleppte aber die Welt um mich herum schien es nicht zu bemerken, sie schienen mich einfach zu übersehen. Den roten Punkt auf der Leica mit Gaffa Tape zugeklebt begab ich mich auf die Straßen und wurde eins mit der Masse. Die kleine Leica M6 und ich tauchten einfach unter. Ich schoss Bilder und fing Momente ein, die ich mit einer großen und globigen Spiegelreflexkamera niemals hätte einfangen können. 

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Wie ich mich veränderte

Ich machte eine wirklich interessante Veränderung durch, die ich am Anfang erst gar nicht bemerkte bis mich ein Freund darauf aufmerksam machte. Durch die Arbeit mit der Leica fing ich an deutlich langsamer und überlegter zu fotografieren. Ich fing an erst mit meinen Augen nach dem Motiv zu suchen und dachte relativ lange nach bis ich das erste mal die Kamera hochnahm und das endgültige Foto „komponierte“.  Wenn ich Menschen fotografierte war ich deutlich näher an der Person und ihrer Geschichte interessiert, als daran 30x pro Minute den Auslöser zu betätigen. Ich unterhielt mich zwanglos mit den Menschen und drückte in einem halbstündigen Gespräch nur wenige Male auf den Auslöser und erhielt deutlich bessere und ehrlichere Bilder. Ich machte es mir zu meiner wichtigsten Aufgabe während eines Shootings so viel über den Menschen herauszufinden wie ich irgendwie konnte, eine kurz andauernde Freundschaft und Vertrautheit aufzubauen. 

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Wie es meine Fotografie veränderte

Einige von euch werden vielleicht mit dem Kopf schütteln wenn sie das lesen aber ich betrachtete meine Bilder und merkte, dass mein Stil mit Nutzung der Leica erwachsener geworden war. Die Bilder fingen langsam aber sicher an Geschichten zu erzählen und kompositorische Tiefe zu bekommen. Meine Bilder wurden interessanter und fingen ihre Betrachter mehr ein (zumindest war so das Feedback meiner Professoren in London). Das habe ich speziell bei meinen Portrait Arbeiten gemerkt, die auf einmal eine „intime“ und persönliche Atmosphäre ausstrahlten. Etwas das ich bis dato noch gar nicht kannte. In meinen Augen war dieser enorme Sprung in der Qualität meiner Bilder klar darin begründet, dass ich mich mit dem Vorgang des Fotografierens viel intensiver auseinander setzen musste als ich es mit einer digitalen Kamera jemals getan habe. Der Prozess des Auslösens bis hin zum fertigen Bild, welcher mich durch die nötige Dunkelkammer und die Kunst der Handentwicklung zwang, wurde bewusster und geplanter. Ich hatte das Gefühl was ich da tat entwickelte sich von Knipserei zu Fotografie. 

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Mein Fazit

Die Phase die ich euch oben beschrieb dauerte ca 10 Monate und endete kurz vor meinem Trip nach Syrien. Ich tauschte die Messsucherkamera gegen eine 5D Mark III ein und begab mich auf die gefährlichste Reise meines Lebens. 

Meine Zeit mit der Messsucherkamera hatte mich als Fotografen heranreifen lassen und meine Arbeitsweise in Syrien änderte sich nur wenig obwohl ich mit einer wirklich schnellen und zuverlässigen Autofokus DSLR unterwegs war. Und das beste daran? Die Ergebnisse blieben genau so intim und persönlich weil meine Arbeitsweise sich nicht änderte. Ich blieb überlegt und bewusst, ich hielt immer noch kurz die Luft an und die Welt stand still bevor ich den Auslöser drückte. 

Nun sitze ich hier im Jahr 2015 und denke immer noch an die Zeit mit der Leica M6 zurück. Vielleicht wird es Zeit wieder zum Messsucher System zurückzukehren? Vielleicht ist es das was ich brauche um wieder den Sprung zu machen den ich so dringend brauche? 

Was sagst du dazu?

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4 comments

  • Hi Martin, vielen Dank für deinen Bericht! Beim lesen kam mir der Gedanke, dass ggf. gar nicht die Arbeit mit einer „LEICA“ sondernd die Arbeit mit einer ANALOGEN Kamera eine Veränderung hervorgerufen hat und somit es gar nicht so mit der LEICA zu tun hat?

    • Hallo Henning,
      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Ja, es wird wohl an dem analogen gelegen haben aber nichts desto trotz hat der Messsucher die Art verändert wie ich fotografiere.

      Es sollte auch gar nicht wie eine Liebeserklärung an Leica klingen aber sie war nun mal gerade da und hat mich mehr oder weniger in ihren Bann gezogen.

      Ob es mit einer digitalen Leica auch so passiert wäre? Ich weiß es nicht aber ich würde es gerne noch heraus finden!

      Fotografierst du auch analog?

      Viele Grüße
      Martin

  • Hallo Martin,
    du hast schön zusammen gefasst, was geschieht, wenn man einmal langsamer/ bewusster/ überlegter fotografiert. Ich habe allerdings erhebliche Zweifel, dass das irgendetwas mit einer Marke zu tun hat.
    Denselben Effekt haben die meisten meiner Bekannten gemacht, nachdem sie- wie von Henning angemerkt- einmal analog fotografiert haben. Und die meisten, mich eingeschlossen, erleben das mit einer erheblich günstigeren Variante auch digital: mit einer Kamera eines japanischen (ehemaligen Film-)Herstellers…. Und vorzugsweise das Modell mit Festbrennweite.

    • Hallo Oli,
      ja ich stimme euch beiden zu. Das selbe Erlebnis hat man wohl auch mit einer Fuji, welche ich bei meinem letzten Indienjob auch ausgiebig testen durfte. Wenn ich allerdings an Messsucher im klassischen Sinne denke komme ich immer wieder gedanklich zurück zu Leica.

      Der Post sollte keineswegs als Leica Werbespot gemeint sein, ich denke nur die Tatsache das ich gerade zu diesem Zeitpunkt eine Leica in den Händen hatte, erklärt meine Faszination.

      Viele Grüße
      Martin

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